Die Votivtafel hängt heute noch in der Kapelle. Sie ist die eigentliche Quelle dieses Kapitels – eine Baugeschichte in fünf Bildern, gemalt von Leuten, die dabei waren.
Die Geschichte der Harter Kapelle beginnt im Dunstkreis einer Legende, die um 1650 begonnen hat. Es ist nicht genau überliefert, warum man so hoch oben am Hartberg eine Kirche in dieser Größe erbaut hat. Sicher mag dabei der Wunsch der Bergbevölkerung eine Rolle gespielt haben, einen näheren Kirchweg zu bekommen. Die Legende rückt aber noch einen anderen Grund in die Nähe der Wahrscheinlichkeit: Nicht weit von der Kapelle rinnt das Kapell-Bachl vorbei. Der Sage nach hat man an diesem Bach vor altersgrauer Zeit die Muttergottes beim Windeln waschen gesehen. Von da her kam wahrscheinlich auch der Glaube, daß dieses Wasser Heilwirkung bei Augenkrankheiten habe. Noch in diesem Jahrhundert gab es Wallfahrer zur Kapelle, die sich Wasser vom Kapell-Bachl mit nachhause nahmen. Vielleicht trug also auch diese fromme Legende zum Entschluß bei, an dieser Stelle eine kirchenartige Kapelle zu bauen.
Eine alte Votivtafel, die heute noch in der Kapelle hängt, gibt über die einzelnen Baustufen in Wort und Bild Aufschluß. Im ersten Bild sieht man einen kleinen Holzbau, der mehr einer Hundehütte ähnlich sieht als einer Kapelle. Die Inschrift dazu lautet: "Gott dem Allmächtigen und Maria zu Lob und Ehr ist diese Kapelle anfänglich von unmündigen Kindern, so paarweise dahin gekommen, geehrt worden."
Das zweite Bild zeigt eine etwas größere Holzkapelle mit der Inschrift: "Habens die Nachbarn danach größer von Holz gebaut".
Das dritte Bild zeigt einen kranken Mann mit der Erklärung "Ist Sylvesterl schwer krank liegend, solches zu erweitern im Schlaf ermahnt worden, was er auch getan." (Der Kranke war der 1682 verstorbene erste Kapellprobst und Schanderbauer Sylvester Flörl). Im vierten Bild ist zu lesen: "Habens die Nachbarn noch etwas größer gemacht". Das fünfte Bild berichtet: "Ist demnach vorhinan etwas gemauert worden, es ist also 1653 erbaut und hernach eingeweiht worden."
In der heutigen Größe wurde die Kapelle in den Jahren 1676 und 1677 gebaut; nur die Sakristei wurde später dazugebaut, weil das Glockenkammerl hinter dem Altar als Sakristei nicht mehr entsprochen hat.
Das Gotteshaus bekam den Namen "Maria Reinigung" bzw. "St. Maria" und war dann im 17., 18. und 19. Jahrhundert ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Besonders wertvoll waren die drei Barockaltäre mit alten Bildern und Figuren. Einem übereifrigen Kooperator war das "Alte Glump" nicht mehr gut genug und so setzte er durch, daß die Altäre 1891 und 1892 "restauriert" wurden. Die alten Sachen wurden größtenteils auf dem Kapellbichl verbrannt und dafür fertigte ein Schwazer Tischlermeister die heutigen Altäre an. Mit diesem gut gemeinten Kunstvandalismus wurden nicht nur
alte Kunstwerke vernichtet, sondern von da an verlor die Kapelle auch immer mehr den Ruf eines beliebten Wallfahrtsortes. Nur mehr wenige Votivtafeln erinnern daran, daß einst Menschen in Not und Gefahr unserer lieben Frau bei der Harter Kapelle für Rettung und Hilfe gedankt haben.
In den Jahren 1954 und 1955 wurde die Kapelle von Franz Xaver Pizzinini und Sebastian Gartner innen und außen renoviert. Das große Kruzifix vor der Kapelle stifteten die Heimkehrer aus dem zweiten Weltkrieg zum Dank, daß ihnen der Heldentod am Schlachtfeld erspart geblieben war.
Bedauerlich ist, daß durch den Priestermangel nicht nur das kirchliche Leben in der Kapelle weitgehend erlahmt ist, sondern daß damit auch die alten Bräuche rund um die Harter Kapelle immer mehr in Vergessenheit geraten. Früher war in der Kapelle jeden Samstag eine heilige Messe. Besonders die drei Goldenen Samstage und der Kapell-Kirchtag (Patroziniumsfest am 8. September) wurden jedes Jahr feierlich begangen. Da krachten schon um 6 Uhr früh die Böller weit über das Tal hin. Von nah und fern kamen die Gläubigen in ihren besten Sonntagskleidern. Die "Mander" trugen den Kirchtagsbuschn am Hut und die jüngeren Frauen hatten Rosmarin und duftende Nagelen am Korsettl. Um 8 Uhr war ein levitiertes Hochamt mit Buschenweihe, Predigt und Opfergang. Die Chorsänger wurden instrumental von Geigen und Harfen feierlich unterstützt und selbst die etwas asthmatisch klingende Orgel brachte zu diesen Festtagen noch gedämpfte Jubeltöne hervor. Die Kapelle war bis zum letzten Platz besetzt und auch draußen am Kapellbichl standen noch viele Männer, um wenigstens einen Teil des feierlichen Segens mitzubekommen.
Zu Mittag gab es dann in den meisten Häusern eine willkommene Abwechslung in der sonst recht kargen und einfachen Kost. An diesen hohen Feiertagen kamen in Schmalz herausgebackene Kirchtags-Nudeln oder Strauben auf den Tisch, und wo man es sich leisten konnte sogar eine Halbe Kirchtagswein.
Die Verhältnisse haben sich grundlegend geändert und ändern sich weiter. Die viel besuchte Muttergottes der Harter Kapelle – einst Fürsprecherin und Retterin in der Not – ist einsamer geworden; vielleicht weil es den Leuten von heute besser geht, oder vielleicht deshalb, weil sich die Einstellung zum Sinn dieser Welt und zum Glauben an das Jenseits merklich verschoben hat?
Was wir dazu herausgefunden haben
Die Kapelle ist als Wallfahrtskirche Mariae Reinigung denkmalgeschützt und im Kunstkataster erfasst.
Bestätigt
- Die Bauzeit stimmt fast auf das Jahr. Der Kunstkataster datiert die Kapelle mit „1652 urkundlich, 1671, 1677 urkundlich“ – die Chronik nennt 1653 für den ersten gemauerten Bau und 1676/1677 für die heutige Größe. Zwei Überlieferungen, die einander praktisch bestätigen.
- Die alten Votivbilder gibt es noch. Das Denkmalamt hält ausdrücklich fest: „mehrere zum Teil wertvolle Votivbilder stammen noch aus dem 17. Jahrhundert“. Der Kunstvandalismus von 1891/92, den die Chronik beklagt, hat sie also nicht erwischt.
- Das Kruzifix davor hat ein Datum. Es wurde 1949 errichtet, zur Erinnerung an die Kriegsheimkehrer aus beiden Weltkriegen – die Chronik nennt nur den zweiten.
- Eine Erweiterung fehlt in der Chronik: 1845 wurde die Kapelle noch einmal vergrößert. Der heutige Hochaltar entstand um 1850.
Noch offen
- Sylvester Flörl, Schanderbauer und erster Kapellprobst, soll 1682 gestorben sein. Die Pfarrmatriken könnten das bestätigen.
- Die Inschriften der fünf Votivbilder sollten am Original fotografiert werden, solange sie lesbar sind.
Wenn Sie zu einem dieser Punkte etwas wissen – ein Foto, ein Dokument, eine Erinnerung aus der Familie: Bitte melden Sie sich im Gemeindeamt. Das meiste, was hier noch fehlt, liegt nicht in Archiven, sondern in Schubladen.