Es gibt in Hart ein Datum, das man kennt, ohne es je gelernt zu haben. Wer am Haselbach aufgewachsen ist, hat davon gehört. Im Auwald von Niederhart liegen die Steine heute noch, die der Bach damals herausgeschossen hat.
Der Chronist hat die Nacht so aufgeschrieben, wie sie ihm erzählt wurde – Stunde für Stunde, Haus für Haus, mit Namen. Es ist der eindringlichste Text der ganzen Chronik.
Es war Mittwoch der 29. Juli 1908. In der Nacht grimmelten Gewitter in weiter Entfernung und das fortwährende Wetterleuchten signalisierte Gewitterstimmung. Der Vormittag war leicht bewölkt und schwül. Nachmittag zogen die ersten Gewitterwolken auf. Die Leute auf den Feldern beeilten sich, vor dem Regen noch das dürre Heu und die trockenen Kornschöber in die Scheunen zu bringen. Gegen 4 Uhr Nachmittag verdichteten sich die Gewitterwolken zu einer einzigen schwer von den Bergspitzen herabhängenden Riesenwolke, die kleine kupferfarbene Wolkenfetzen unter sich herjagte. Man hatte den Eindruck, als würde mitten am Nachmittag die Nacht anbrechen. Nach kurzer, banger Stille, in der auch die Vögel ängstlich schwiegen, begannen in den Türmen der Harter Kapelle und der Pfarrkirche die Wetterglocken zu wimmern. Die ersten Blitze fuhren nieder und der fast augenblicklich folgende Donner machte klar, daß sich das Unwetter in der Hauptsache über dem Hartberg entladen würde. Die verängstigten Menschen flüchteten in ihre Häuser und bekreuzigten sich bei jedem niederfahrenden Blitzstrahl. Nach damaligem Brauch sagte man dabei "Helfns Gott!"
Wenig später patschten die ersten schweren Regentropfen und Hagelkörner auf die Schindeldächer, und dann brach das Unwetter mit einer Gewalt los, wie es die ältesten Leute nie erlebt hatten. In der fast völligen Dunkelheit hörte man fast zwei Stunden nur mehr Rauschen und Brausen. Selbst kleine Rinnsale schwollen in kürzester Zeit zu reißenden Wildbächen an und rissen in den erdbraunen Wasserströmen Rasenstücke, Steine, Bäume und Wurzeln mit sich.
Am schlimmsten wütete der Haselbach. Er brach oberhalb der ersten Häuser aus dem Bachbett aus und wälzte riesige Mengen von Geröll und Holz zwischen den Häusern hindurch hinunter zum Ziller. Dort warfen die Geröllmassen den Ziller aus seinem Bett, so daß der Damm brach und sich die Fluten des Wildbaches und des Zillers quer über die Finsinger und Fügener Felder bis Schlitters ergossen.
Kurz vor der Einmündung des Haselbaches in den Ziller stand damals das kleine aus Holz gebaute Brüggeler-Häusl. Zur Zeit der Katastrophe befanden sich in diesem Haus die Besitzer Anton und Maria Penz, ihre Schwiegertochter Aloisia Penz und ihre vier Kinder. Als sie den vorbeifließenden Bach immer bedrohlicher anschwellen sahen, flüchteten sie in das größere Brugghaus hinüber, in dem sich Viktoria Wiedner mit ihren zwei Kindern und ihrer alten Mutter aufhielt. Sie waren aber kaum im Haus, da kam ein riesiger Schwall von Wasser und Geröll auf das Haus zu und machte eine weitere Flucht für alle unmöglich. Aus den Fenstern konnten sie zusehen, wie bald danach die Fluten das Brüggeler-Häusl wegschoben, auf den Kopf stellten und in den Ziller spülten. Indem die Leute ihr Heim in einem stürzenden Gemisch von Wasser, Wurzeln und Steinen verschwinden sahen,
schätzten sie sich wahrscheinlich für Augenblicke glücklich, noch rechtzeitig aus dem Haus geflüchtet zu sein. Aber schon brandete das schmutzige Wasser an die Haustüre und polterten riesige Steine gegen die Hauswand. Am Krachen der Balken und am Zittern des ganzen Hauses merkten sie, daß auch dieses größere Holzhaus der fruchtbaren Gewalt des wie eine Lawine daherkommenden Baches nicht mehr lange standhalten könnte. Sie rissen die Fenster auf und schrien gellend um Hilfe. Es kamen auch Leute von Haselbach herbei und versuchten mit Hölzern und Stangen eine Brücke über die reißenden Fluten zu schlagen. Aber die Hölzer waren zu kurz und die Mure wurde immer breiter. Sie mußten hilflos zusehen, wie das ganze Haus zunächst langsam und dann immer schneller in den tobenden Strudel geschoben wurde, der dort unten dumpftosend wütete, wo die braunen Massen des Haselbaches mit dem hochgehenden Ziller zusammenstießen. Noch einmal sah man an den Fenstern etliche Kinder, die verzweifelt um Hilfe schrien, dann tauchte das wie ein ruderloses Schiff schwimmende Haus bis über die Fenster unter und brach zusammen.
Man glaubte nicht, daß nur einer von den 11 im Wasser versunkenen Menschen überleben könnte. Tatsächlich gelang es aber Aloisia Elisabeth Penz, sich zunächst an einem schwimmenden Balken festzuhalten, bis das treibende Holz in die Nähe eines Erlenbaumes kam. Da gelang es der beim Einsturz des Hauses leicht verwundeten Frau, sich auf den Baum zu retten, bis sie nach furchtbarer Nacht aus ihrer schrecklichen Lage befreit werden konnte. Ihr Mann und Vater der 4 Kinder entging der Katastrophe dadurch, daß er zur Zeit im Achental auf Holzarbeit war.
Ebenso konnte der Besitzer des Brugghauses, Josef Wiedner, von einem Glück im Unglück reden, weil er auf der Bachler-Alm war, die allerdings am selben Nachmittag durch Blitzschlag in Schutt und Asche gelegt wurde. Von den Haustieren wurde nur eine Kuh, ein Schwein und ein Hund aus den Fluten gerettet. Die übrigen Tiere ertranken.
Auch mehrfach herbeieilende Retter kamen in äußerste Lebensgefahr. So zum Beispiel wurde der Fügener Uhrmacher Josef Fasser mit seinem Begleiter in der Au kurz vor der Zillerbrücke vom daherrauschenden Wasserschwall des aus der Bahn geworfenen Zillers überrascht. Nur dadurch der Umstand, daß sie geistesgegenwärtig auf den nächsten Baum kletterten, rettete ihnen das Leben. Trotz ihrer lauten Hilferufe konnten sie auch nach dieser schrecklichen Nacht noch nicht gleich gerettet werden, weil in der ganzen Gegend kein Boot aufzutreiben war. Erst als man eine Zille aus Brixlegg heranschaffen konnte, wurden die zwei Männer von mutigen Gendarmeriebeamten aus ihrer mißlichen Lage befreit.
Handschriftliche Fußnote des Chronisten am Seitenfuß:
„Total vermurt wurde auch das Zimmermeisterhaus der Geschwister Franz, Stephan und Viktoria Seekircher. Die Bewohner konnten sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen."
(Ein davor stehendes Wort ist durchgestrichen und nicht zweifelsfrei lesbar – vermutlich „Weggerissen", ersetzt durch „Total vermurt".)

Als am Abend des 29. Juli der Knecht Felix Rieser mit den Mägden Maria Spindlegger und Maria Höllwarth in der Nähe des Gasthauses "Neuhäusl" angestrengt damit beschäftigt waren, die eindringenden Wassermassen vom Haus abzuleiten, hörten sie plötzlich herzzerreißende Hilferufe vom Ziller herauf. Sie sahen einen Buben und ein Mädchen nebeneinander auf einem schwimmenden Baum treiben. Die drei Dienstboten liefen sofort am überspülten Ufer entlang, rissen Stangen vom Zaun und versuchten, die Kinder zu erreichen. Durch Erlenstauden gehindert gelang es lange nicht, mit den Stangen in die Nähe zu kommen. Schwimmen konnte leider niemand.
Kurz vor der Imminger Brücke triftete der Baumstamm ziemlich nahe an das Ufer heran, aber nun saß der Bub allein auf dem Baum, das Mädchen war ins Wasser gefallen. Der Knecht hielt dem Buben die Stange hin und schrie "Halt dich fest, ich zieh dich heraus!" Der Bub erfaßte mit beiden Händen die Stange und plumpste in das reißende Wasser. Scheinbar verließen ihn aber die Kräfte, er ließ die Stange los und verschwand in den erdbraunen Fluten. Inzwischen hatten die Mägde das Mädchen gesichtet, wie es sich nach Luft schnappend an einem Balken festhielt. Auch sie trieb nahe an das Ufer heran, auch sie ergriff noch mit einer Hand die rettende Stange, ließ sie aber wieder los und klammerte sich weiter an den Balken. Das treibende Holz verschwand für einige Minuten hinter Gebüsch, und die Leute hörten noch die gurgelnden Hilfeschreie, sahen das Mädchen aber nicht mehr. Als der Balken wieder in Sicht kam, war auch das Mädchen in den Fluten versunken. Eine weitere Suchaktion war wegen der hereinbrechenden Nacht nicht mehr möglich.
Todesängste erlebte auch die Neuhäuslwirtin mit ihrem 7 Jahre alten Buben und ihrer Schwester. Das Haus war plötzlich vom Wasser eingeschlossen, es drang durch Türen und Fenstern und überflutete das Parterre bis zum Überboden. Die drei Leute konnten noch in den ersten Stock flüchten, wo sie eng umschlungen betend ihren Tod erwarteten. Da hier die Strömung aber nicht so groß war, hielt das Haus dem Druck stand und gegen drei Uhr Früh konnten sie gerettet werden.
In Niederhart war der sonst zahme Wexelbach zum reißenden Strom geworden, der unterhalb vom Lochschmied tobend und rollend mit Wurzeln und gewaltigen Steinen aus der Bachschlucht herausschoß, die Säge samt dem aufgestapelten Holz mit sich riß und das Schmiedhäusl des Jakob Schiestl umspülte. Schiestl war mit seiner alten, blinden Mutter allein im Haus. Als er die Gefahr erkannte, war es bereits zu spät. Der ganze Bau versank in wenigen Minuten im krachenden Gemenge von Wasser, Holz und Steinen.
Als sich am nächsten Morgen die leichten Nebel von der überschwemmten Talsohle hoben, wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Von Uderns bis Schlitters war das Tal ein schmutzig-brauner See. Von Niederhart bis hinunter zum Ziller waren die Felder von einer breiten und

meterhohen Mure überzogen. Der Bach, der am Vortag tonnenschwere Steine gewälzt hatte, floß nun wieder zahm durch die Stätte seiner Verwüstung. Die Helfensteiner Felder waren überschwemmt und verschlammt. Das Floacherhaus war vermurt aber nicht weggerissen. Dem Steinachbauer hatte es die Scheune samt Heu und Fahrnissen weggerissen, Hopfeld war vermurt, drei Häuser weggerissen und 12 Menschen tot oder vermißt.
Am 30. Juli hat man als erste Tote die alte Mutter Maria Penz vom Brüggelerhaus und die blinde Frau vom Schmiedhäusl gefunden. Der Besitzer vom Schmiedhäusl wurde in Bruck aus dem Ziller gefischt und Viktoria Wiedner fand man bei Gagering. Die übrigen Toten wurden erst später zwischen Bruck und Wasserburg gefunden.
Schon am 30. Juli setzten die Hilfsmaßnahmen durch 100 Kaiserjäger und 100 Pioniere ein, die dann noch einmal um weitere 400 verstärkt wurden. Zunächst versuchte man den ausgebrochenen Ziller wieder in seine alte Bahn zu bringen und als nächstes wurde zwischen Hart und Fügen ein Notsteg gebaut, der hinauf bis zum Bahndamm reichte. Die Spuren der gewaltigen Vermurungen kann man im Auwald von Niederhart und in Haselbach auch heute noch finden.

Was wir dazu herausgefunden haben
Diese Nacht ist eines der am besten belegten Ereignisse unserer Gemeindegeschichte.
Bestätigt
- Das Land Tirol führt den Tag bis heute. In der hydrologischen Chronik des Hydrographischen Dienstes steht unter dem 29. Juli 1908: In Hart schiebt der hochwasserführende Haselbach mit einer Mure zwei Häuser in den Ziller, der Harterbach staut den Ziller und drängt ihn ab, über Niederharter Graben und Holdernachgraben gelangen weitere Muren in den Fluss. Zwischen Fügen und Schlitters war der Verkehr sieben Wochen lang unterbrochen, auch die Bahnstrecke.
- Der Wochentag stimmt. Die Chronik beginnt mit „Es war Mittwoch der 29. Juli“. Der 29. Juli 1908 war tatsächlich ein Mittwoch – ein kleiner Beweis, dass hier jemand nach echten Aufzeichnungen gearbeitet hat.
- Auch die Nachbarn erinnern sich. Die Gemeinde Fügen überliefert denselben Notsteg: einen 400 Meter langen Holzsteg auf Pfählen, von der Harter Brücke hinüber nach Fügen.
- Zwei Häuser oder drei? Beides stimmt. Das Land zählt die zwei Häuser am Haselbach – das Brüggeler-Häusl und das Brugghaus. Die Chronik zählt drei, weil sie das Schmiedhäusl in Niederhart dazunimmt, das der Wexelbach holte.
Noch offen
- Die Chronik nennt an einer Stelle elf Menschen im Brugghaus, an der nächsten zwölf Tote in der ganzen Gemeinde. Die Differenz sind vermutlich die Opfer am Schmiedhäusl. Das Sterbebuch der Pfarre würde es klären.
- Die Überlebende vom Brugghaus heißt auf einer Seite Aloisia Penz, auf der nächsten hat der Chronist den Namen durchgestrichen und Elisabeth darübergeschrieben. Wer die Familie kennt, weiß es vielleicht.
Wenn Sie zu einem dieser Punkte etwas wissen – ein Foto, ein Dokument, eine Erinnerung aus der Familie: Bitte melden Sie sich im Gemeindeamt. Das meiste, was hier noch fehlt, liegt nicht in Archiven, sondern in Schubladen.